Predigt zur Jahreslosung 2020 von Pfr. Roland Bühler

(Liebe Leser, falls Sie sich über die Anordnung der Zeilen wundern, ich schreibe meine Predigten immer so, damit ich sie besser ablesen kann. Das habe ich hier beibehalten. Vielleicht hilft das ja auch Ihnen - vor allem bei langen Sätzen.)

 

Liebe Gemeinde,

dieses Jahr haben wir ein Bild zur Jahreslosung von Susanne Redlich.

Es hängt nun in allen unseren Kirchen.

 

Wie es dazu kam und was sie sich dabei gedacht hat, hören wir von der Künstlerin selbst:

 

"Ich musste damals für ein Projekt in der Schule für Kunst ein paar Fotos machen und weil ich gerade in Urlaub in Kroatien war hab ich dort ein bisschen fotografiert. Als ich dieses alte Boot mit den bunten Blumen gesehen habe fand ich den Kontrast richtig schön und hab's fotografiert (mein Lehrer war damals auch richtig begeistert davon).

 

In meinem FSJ musste ich dann eine Geburtstagskarte passend zur Jahreslosung gestalten. Ich hab dann überlegt was den Glauben und den Unglauben darstellen könnte und da ist mir dieses Bild eingefallen. Ich finde, dass dieses kaputte Boot und das nicht so schöne Haus im Hintergrund den Unglauben symbolisieren, aber trotz diesen etwas trostlosen Gegenständen gibt es schöne Blumen, die dort wachsen. Weil die Blumen für den Glauben stehen und egal, wie trostlos die Situation scheint, Gott kann auch in diesen Fällen Hoffnung und Glauben wachsen lassen."

 

 

"Ich glaube; hilf meinem Unglauben!"

 Das ist eigentlich eine widersinnige Aussage, ein Paradoxon.

 

Glaubt der Sprecher jetzt

oder glaubt er nicht?

Beides zusammen geht doch nicht - oder?

 

"Ich glaube ..."

Auf den ersten Blick scheint ja alles in Ordnung zu sein.

Da glaubt einer.

Er traut Jesus etwas zu.

Eine gute Voraussetzung,

damit die Geschichte auch gut ausgehen wird

- wenn wir das mit anderen biblischen Geschichten vergleichen,

wo es oft bei den Wundergeschichten Jesu so oder so ähnlich heißt:

"Dein Glaube hat dir geholfen".

(Mt 9,22; Mk10,52; Lk 7,50; Lk 8,48; Lk 17,19; Lk 18,42)

Der Glaube erscheint in den meisten Geschichten als notwendige Voraussetzung,

dass Jesus überhaupt seine Kräfte entfaltet bzw. entfalten kann.

 

Darum kommt in unserem Bibelwort dann für den Hörer völlig überraschend der Nachsatz:

"Hilf meinem Unglauben!"

Also sieht's doch nicht so gut aus mit dem (eigenen) Glauben.

Es sind tiefe Zweifel dabei.

So ganz ohne Weiteres scheint der Sprecher Jesus eine Hilfe nicht zuzutrauen.

Das ist ungewöhnlich,

wenn einer das so deutlich ausspricht,

aber ich finde es faszinierend ehrlich.

 

Vorneweg:

Trotz aller Unsicherheit,

trotz allem Zweifel,

trotz alles bruchstückhaften Glaubens,

gibt es ein Happyend.

Der Junge wird geheilt.

 

Schauen wir genauer hin:

In der Geschichte (Markus 9,14-27) hören wir von einem Vater,

in dessen Seele sich das schier endlose Leiden seines Sohnes tief eingegraben hat.

Viele Jahre musste er das Elend mitansehen,

ohne etwas daran ändern zu können.

Er hatte ihn schon oft gerade noch vor dem Schlimmsten,

vor dem Selbstmord bewahren können.

Die Situation scheint aussichtslos.

Nichts hat seinem Sohn bisher helfen können,

weder Ärzte noch Wundertäter,

weder Technik und Wissen,

noch Religion und Glaube,

und auch nicht die Jünger des sagenhaften Jesus aus Nazareth.

Ein Fünkchen Hoffnung gibt es noch,

dass eben dieser Jesus selbst etwas an dieser Lage seines Sohnes ändern könnte.

Dieser Mann ist jedoch nicht nur an der Grenze seiner Belastbarkeit und Hoffnung angekommen,

sondern auch sein Glaube ist an eine Grenze gestoßen.

festen Vertrauens und Glaubens.

 

Aber Jesus erwartet von seinem Gegenüber gerade das:

Glauben.

"Du sagst: Wenn du kannst -

alle Dinge sind möglich dem,

der da glaubt."

 

Der Vater weiß aber,

dass er diesen Glauben,

den Jesus hier einfordert,

nicht (mehr) aufbringen kann.

Zu viel ist bisher geschehen.

Zu sehr hat darunter sein Gottvertrauen gelitten.

Er steht an der Grenze

zwischen Glauben und Unglauben,

hin- und hergerissen

zwischen einer neuen Hoffnung

und dem Bangen vor einer neuen Enttäuschung,

zwischen Erwartung der Hilfe

und der Resignation durch das bisher Erlebte.

Und so ruft, nein: schreit (kreischt, krächzt) den eigentlich widersinnigen,

aber zugleich so ungemein ehrlichen Satz hinaus:

"Ich glaube;

hilf meinem Unglauben!"

 

Liebe Gemeinde,

kennen sie das auch?

Man weiß oder ahnt irgendwie,

dass der Glaube eine Antwort und Hilfe in der Not sein könnte,

aber man bringt ihn nicht mehr auf.

Natürlich will ich glauben,

aber ich kann es nicht.

Es geht einfach nicht (mehr).

Zu groß scheint die Not,

zu tief gehen die Zweifel,

zu stark ist die Anfechtung.

Von einem Glauben zu reden,

wäre nur eine Vorspiegelung falscher Tatsachen,

wäre nur eine Lüge

- wenn ich ehrlich bin.

 

Der Vater in unserer Geschichte ist in seiner Not radikal ehrlich.

Und da tut er das einzig Richtige:

Er sagt, wie es in ihm aussieht.

Er braucht selber Hilfe, nicht nur sein Sohn.

Jesus fordert von ihm Glauben,

dann soll er ihm diesen auch geben.

 

Versuchen wir diesen Vers in einen größeren Zusammenhang einzuordnen:

 

Glaube ist im N(euen) T(estament) eines der zentralsten Worte.

Wie kein anderes beschreibt es das Verhältnis zwischen Gott und uns Menschen.

Wir "glauben" an Gott

bzw. wir sollen an Gott "glauben".

Nicht zufällig spricht man ja auch vom "christlichen Glauben".

Noch mehr:

Nur durch den Glauben oder im Glauben können wir mit Gott ins Reine kommen,

Gottes Kinder werden

und das Ewige Leben erhalten.

(vgl. Johannes 3,16; Römer 3,28)

 

Auch wenn wir Menschen nichts aktiv tun müssen bzw. können,

um Gottes Gaben für uns in Anspruch zu nehmen,

so erscheint doch vielerorts (im NT) der Glaube als das,

was auf Seiten von uns Menschen gefordert ist

und was wir einbringen können oder sollen.

Mehr braucht es zwar unsererseits nicht,

aber doch wenigstens das.

 

Man kann es vielleicht so verdeutlichen:

Gott will uns beschenken,

aber wir müssen es auch wollen und annehmen.

Aufzwingen tut er es nicht.

 

Aber:

Gerade unsere Jahreslosung macht uns deutlich,

dass das mit dem Glauben nicht immer so einfach ist

- sowohl am Anfang des Glaubens

als auch in unserem Glaubens-Leben.

Glaube ist etwas Dynamisches,

nicht immer gleich stark oder stetig wachsend,

sondern kann schwanken

und vielleicht sogar verschwinden

oder wenigstens so unscheinbar werden,

dass man nichts mehr von ihm spürt.

 

Die Gründe können vielfältig sein:

 

- Manchmal liegt es einfach an bzw. in uns,

dass wir uns immer mehr vom Glauben entfernen,

weil uns Anderes wichtiger und interessanter erscheint.

Immer weniger wird in der Bibel gelesen, gebetet und Gemeinschaft gesucht.

Meist ist es ein schleichender Prozess,

den man gar nicht wirklich wahrnimmt,

aber an dessen Ende vom (früheren) Glauben dann nichts mehr übrig geblieben ist.

 

- Oft sind es aber auch Einflüsse,

die eher von außen kommen:

Leiden, Angriffe, Verfolgung

oder das,

was mit der Corana-Epidemie gerade über uns hereinbricht.

Es kann aber auch der einfache Zweifel sein,

ob das mit dem Glauben so alles stimmen kann.

Solche Erfahrungen hat sicher der Vater in unserer Geschichte gemacht.

Und letztlich hat sie ja auch Jesus, Gottes Sohn, am Kreuz so gemacht,

als er schrie:

"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Das darf und kann man nicht auch die leichte Schulter nehmen.

Das sollte man nicht verschweigen

und unter den Teppich kehren.

(Viele, vor allem der älteren Kirchenlieder, sprechen gerade von solchen Anfechtungen!)

 

Halten wir fest:

Unser Glaube kann an seine Grenzen kommen.

Davor ist niemand gefeit - selbst Jesus nicht!

Das müssen wir uns bewusst machen.

In dieser Situation hilft nur radikale Ehrlichkeit und Offenheit.

Wir sind in unserer Glaubensnot nicht allein.

In solchen Situationen können wir nur um den Glauben bitten

und ihn als Gabe und Geschenk von Jesus empfangen.

Das können wir und das sollen wir!

"Herr, hilf mir in meinem Unglauben."

- das Wort und Gebet der Jahreslosung kann dann durchaus der entscheidende Schritt zum (eigenen) Glauben sein,

ja selbst schon Ausdruck von Glauben sein,

der von Gott nicht verworfen wird.

Es macht uns Mut und lädt uns ein,

auch mit unserem ganz bruchstückhaften und angeschlagenen Glauben vor Gott zu treten

und um seine Hilfe zu bitten.

 

 

Amen